Programm - Übersicht

Moderation: Birgit Dederichs-Bain, Politikberaterin, Köln

1. Tag: Donnerstag, 31. März 2011

Sexualität, Partnerschaft und Verhütung – Im Wandel der Zeit!

Aus der Sicht unterschiedlicher Fachrichtungen: was hat sich geändert im gesellschaftlichen Diskurs, in der Gesundheitsförderung, in wissenschaftlichen Theorien und der interpersonellen Kommunikation?

Ergebnisthesen 1. Tag

Elisabeth Beck-Gernsheim: Die Pille wird 50 – eine Bilanz

  • Deutschland war das erste Land in Europa, in dem die Antibabypille zugelassen wurde. Für die Frauen begann mit der Pille begann eine neue Epoche: Sie war einfach anzuwenden, sehr zuverlässig und versprach eine angstfreie Sexualität. Frauen konnten entscheiden, wann sie ein Kind wollten und ob (so die Verheißung damals).
  • Eine neue Technik ist nie neutral, sondern führt zu sozialem Wandel. Normen verändern sich: Aus der Möglichkeit der bewussten Geburtenkontrolle wird die Erwartung, dass man sie auch verantwortungsbewusst nutzt.
  • Mutterschaft soll heute so unauffällig und effizient wie möglich organisiert werden. Die Verheißung ist: Dafür dürfen Frauen an den Segnungen der Moderne teilhaben. Aber: In der modernen Arbeitswelt gibt es den optimalen Zeitpunkt fast nie.
  • Problem des unerfüllten Kinderwunsches: Die biologischen Voraussetzungen des Mutterwerdens werden mit dem Alter immer schwieriger. Immer neue Angebote der Reproduktionsmedizin verheißen Auswege. Die Kehrseite: Kosten, soziale, medizinische, psychische und physische Belastungen.
  • Die Wahlfreiheit der Pille ist für diese Frauen ins Gegenteil umgeschlagen, sie macht sie zu abhängigen Klientinnen der Reproduktionsmedizin.
  • Dafür werden politische Lösungen gebraucht, wie z.B. im 7. Familienbericht genannt: „neuer Zeitplan“, keine rush hour des Lebens mehr, flexiblere Bedingungen, mehr Spielräume, sodass frühe Elternschaft nicht mehr sanktioniert wird.

Cornelia Helfferich: Früher oder später – Verhütung und Kinder im Lebenslauf

  • Unterschiede bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen: Je nach Bildung und Migrationshintergrund kommen sexuelle Aktivität und auch Kinder früher oder später.
  • Verhütung braucht man nur ab dem Beginn von intimen heterosexuellen Beziehungen, wenn die erste Geburt aufgeschoben, der Abstand von Geburten vergrößert oder die Kinderzahl begrenzt werden soll.
  • Die Studie „frauen leben - Familienplanung und Migration im Lebenslauf“ im Auftrag der BZgA hat Frauen mit türkischem und osteuropäischem Migrationshintergrund befragt.
  • Migrantinnen sind bei der Geburt des ersten Kindes jünger (23 Jahre statt fast 28). Türkische Migrantinnen empfinden das oft als angemessenes Alter; für Osteuropäerinnen ist die frühe Mutterschaft im Herkunftsland kein Nachteil, dort sind außerdem weniger Verhütungsmittel verfügbar.
  • Entsprechend ist der Bedarf an Verhütung verschoben! Verhütung bekommt für niedrig qualifizierte türkische Migrantinnen oft erst Bedeutung, wenn genug Kinder da sind. Kinder sind selbstverständlich, es bedarf einer bewussten Entscheidung gegen sie.
  • Im deutschen Bildungssystem gilt jedoch: Je früher eine Frau ein Kind bekommt, desto niedriger ist ihre Chance, eine Berufsausbildung abzuschließen. Frühe Mutterschaft verhindert Erwerbs- und Bildungschancen.
  • Fazit: Das System muss sich ändern, um auch Ausbildung und Familie vereinbaren zu können.

Tillmann Krüger: Die Neurobiologie der Sexualität

  • Für Menschen spielen die kulturellen Faktoren eine sehr große Rolle. Das ist ein großer Unterschied zur Tierwelt, dort sind Hormone bestimmender.
  • Die beteiligten Hormone beim Menschen sind u.a. Sexualsteroide, zerebrale Monoamine und Neuropeptide. Prolaktin wird während und nach dem Orgasmus ausgeschüttet. Oxytocin wird beim Sex ganz kurz ausgeschüttet. Man vermutet, dass es fördernd für die Paarbindung sein könnte.
  • Frauen verhalten sich in einem natürlichen Zyklus anders, als wenn sie hormonell verhüten. Um den Eisprung herum werden Studien zufolge genetisch sehr unterschiedliche, also starke Partner gewählt; ansonsten eher der verlässliche Typ. Diese Unterschiede verschwinden, wenn eine Frau die Pille nimmt.
  • Männer finden Frauen, die nicht die Pille nehmen, in deren Zyklusmitte attraktiver. Sie scheinen das über Verhalten und Aussehen wahrzunehmen.
  • Romantische Liebe kann ein sehr obsessiver Zustand sein. Wenn man Gehirne verliebter Menschen untersucht, sieht man ein bestimmtes Aktivierungsmuster in Regionen, die reich an Dopamin sind. Subkortikale, limbische Strukturen sind involviert. Andere Regionen sind deaktiviert, zum Beispiel im rechten Neokortex und dem rechten präfrontalen Kortex.

Eckhard Schroll: Sichergehn. Vom Rahmenkonzept zu internationalen Standards für die Sexualaufklärung

  • Der Beitrag liefert einen Überblick, welche Themen wurden in den letzten 50 Jahren in der Sexualaufklärung behandelt wurden:
  • 50er Jahre: Es gab vor allem Informationen zu körperlichen Funktionen für Ehefrauen.
  • 60er Jahre: Beginn der Sexualaufklärung in der Schule. 1969 gab es den Sexualkunde-Atlas als erstes offizielles Medium. Im Film „Helga“ war erstmals eine Geburt auf einer Leinwand zu sehen.
  • 70er Jahre: Sexualaufklärung von Jugendlichen und Erwachsenen wird Thema. Das Bundesverfassungsgericht erlaubt Sexualaufklärung in der Schule explizit. Erstmals werden junge Männer direkt angesprochen (in „Muss-Ehen muss es nicht geben“).
  • 1986: Die Ottawa-Charta wird verabschiedet.
  • 1992: Das Gesetz über Aufklärung, Verhütung, Familienplanung und Beratung formuliert einen gesetzlichen Auftrag für die BZgA. Der Fokus der Materialien ändert sich: Jugendliche sollen Verantwortung für die eigene Sexualität und Verhütung beider Partner übernehmen, Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit werden gefördert.
  • Die Situation heute: Es gibt Curricula in allen Bundesländern. Nicht alle Eltern befürworten jedoch die Sexualaufklärung. Es gibt nach wie vor gesellschaftliche Auseinandersetzungen.
  • Internationale Standards: 2006 hat die BZgA ihre Arbeit einem internationalen Publikum auf einer WHO-Tagung zur Sexualaufklärung mit 12 Staaten Europas vorgestellt. Die BZgA erhielt den Auftrag, ihre Erfahrungen als Grundlage für europaweite Empfehlungen zusammenzutragen. Hintergrund war der Anstieg von Teenagerschwangerschaften und HIV-Infektionen.
  • Die Botschaften der 2010 veröffentlichten „Standards für die Sexualaufklärung in Europa“ sind klar: Umfassende Sexualaufklärung für alle ab der frühesten Kindheit. Es geht nicht nur um biologische Aspekte, sondern um die Befähigung, verantwortliche Entscheidungen für die eigene Gesundheit und die des Partners/der Partnerin zu treffen à Stärkung von Kindern und Jugendlichen als Ziel.

2. Tag: Freitag, 1. April 2011

Verhütung 2010

Aktuelle Erkenntnisse und Herausforderungen. Aufklärung, Beratung und Kommunikation über Verhütung angesichts gesellschaftlicher Vielfalt.

Ergebnisthesen 2. Tag

Thomas Rabe: Kontrazeption bei der Frau – State of the art

  • Familienplanung weltweit: Die WHO hat viel erreicht, aber immer noch haben 40 % der verheirateten Frauen keinen Zugang zu Verhütung.
  • In Afrika verwenden nur 27 % der Frauen Verhütungsmittel. In Deutschland gibt es 16,6 Mio. fertile Frauen, 8,8 Mio. verhüten, 6,2 Mio. hormonell.
  • Die Pille hat „non hormonal benefits“: Zyklusregulierung, Blutungsstärke, positive Wirkung auf Haut und Haare, weniger Zysten, weniger Beckenentzündungen.
  • Die Pille hat aber auch Nebenwirkungen: in den 60er Jahren Lungenembolien, Brustkrebs und Thrombosen. Man hat seitdem die Pillen niedriger dosiert. Venöse Thromboembolien sind heute das Hauptproblem. Das Risiko nimmt mit dem Rauchen, mit BMI und Alter zu. Am häufigsten sind Thrombosen bei Einnahmebeginn.
  • Für die Zukunft wird das Erkennen von Risikopatientinnen und die Familienanamnese immer wichtiger

Anneliese Schwenkhagen: Frauen, Lust & Sex. Einfluss der Hormone auf die weibliche Sexualität

  • Viele Frauen zwischen 30 und 50 stehen vor der Aufgabe, Kinder, Partner, Karriere, den Alltag oder Krankheiten miteinander zu vereinbaren ... und wo bleibt der Sex? Ganz oft wächst nach der ersten Geburt die Lustlosigkeit, Stress und Müdigkeit nehmen zu.
  • Female sexual dysfuncion
  • Studien zeigen: Lustlosigkeit nimmt mit dem Alter zu, die Belastung dadurch nimmt aber mit dem Alter ab. Eine australische Studie fand keine signifikanten Assoziationen von Lustlosigkeit mit Alter, der Menopause oder Hormontherapie. Lustlosigkeit ist in langen Beziehungen wahrscheinlicher; weniger wahrscheinlich ist sie bei guten Liebhabern und wenn Sex für die Frau eine wichtige Rolle spielt.
  • Gute, randomisierte Studien zeigen, dass Testosteron breite Effekte auf sexuelle Zufriedenheit hat – allerdings nur bei Frauen, die vorher einen Testosteronmangel hatten. Das Problem: Man kann einen Testosteronmangel im Labor bei Frauen kaum nachweisen. Testosteron zusätzlich einzunehmen, hat jedoch auch Risiken.
  • Zum Einfluss der Pille auf die Sexualität gibt es keine gute Datenlage. Wahrscheinlich gibt es starke kulturelle Einflüsse. Eine neue Studie an deutschen Medizinstudentinnen ergab: Ein Drittel der Studentinnen hat ein Risiko für sexuelle Unzufriedenheit. Frauen, die hormonell verhüteten, sind signifikant unzufriedener. Die nichthormonelle Kontrazeption schneidet am besten ab. Eine mögliche Erklärung ist, dass das freie Testosteron bei hormoneller Verhütung abfällt. Aber: Nicht bei allen Frauen, die hormonell verhüten, sinkt auch das sexuelle Verlangen.

Brigitte Frey Tirri: Verhütung in Europa. Unterschiede in Zugang und Anwendung von Kontrazeptiva

  • Am häufigsten wird europaweit die Pille verwendet. Verhütungsmethoden werden je nach Land unterschiedlich häufig einsetzt.
  • Etwa 25 % der Frauen verhüten europaweit nicht.
  • Direkte Faktoren für die Unterschiede in den einzelnen Ländern sind: Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Kosten, Akzeptanz (soziokulturelle Unterschiede), Verträglichkeit und Stabilität der Methode.
  • Indirekte Faktoren sind: Gesundheitssystem, soziokulturelle Faktoren, Produktivität und Wohlstand; Armut als größter Risikofaktor für eine schlechte Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln; religiöser Background; Medien; politischer und Gesetzesrahmen, z.B. Gesetze über die Abgabe der Pille danach; Vorgehen gegen sexuelle Gewalt; Gesundheitserziehung in den Schulen.
  • Individuelle Faktoren: Dazu gehören der fachliche und persönliche Hintergrund des/der Verschreibenden oder Beratenden und vor allem die Entscheidung der einzelnen Frau. Jede Frau hat andere Vorlieben und verträgt Verhütungsmittel verschieden gut.

Angelika Heßling: Sexualität und Verhütung in Deutschland. Aktuelle Ergebnisse der BZgA-Studien

  • Die Daten stammen aus den aktuellen Studien der BZgA.
  • Bei den 16-Jährigen sind 34 % der Jungen und 50 % der Mädchen sexuell aktiv. Mit 17 Jahren sind es 65 bzw. 66 %. Es stimmt also nicht, dass viele Jugendliche sexuell schon sehr früh aktiv sind.
  • Jugendliche mit Migrationshintergrund: Jungen sind in allen Altersgruppen sexuell aktiver als die deutschen Jungen. Mädchen haben weniger sexuelle Erfahrung als die deutschen Mädchen.
  • Verhütung beim ersten Mal: nur 8 % der deutschen Jugendlichen, aber 12/18 % bei Mädchen/Jungen mit Migrationshintergrund haben beim ersten Mal nicht verhütet. Das Verhütungsverhalten, auch beim ersten Geschlechtsverkehr, hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert.
  • Den aktuellen Daten zum Verhütungsverhalten der 18-49 jährigen Erwachsenen (telefonische Befragung) zufolge verhüten 76 %, davon 53 % mit der Pille. Spirale wird ab 30 Jahren verstärkt genutzt, Sterilisation ab 40. Bei Erwachsenen ohne feste Partnerschaft ist das Kondom sehr verbreitet.
  • Verhütungspannen: Probleme beim Kondom sind oft auf eine falsche Kondomgröße zurückzuführen. Die „Pille danach“ haben 12 % der Mädchen schon mal verwendet. 48 % davon, weil das Kondom gerissen ist, 26 %, weil sie die Pille vergessen haben, 24 % hatten nicht verhütet.

3. Tag: Samstag, 2. April 2011

Verhütung im Spannungsfeld von Kultur, Religion und Leidenschaft

Ergebnisthesen 3. Tag

David Schnarch: Psychology of sexual passion

  • Moderne Verhütung hat geholfen, Intimität und Nähe in Liebesbeziehungen zu entwickeln. Man ist nicht mehr zu einer Ehe gezwungen, sondern hat die Wahl. Dass Sex von Reproduktion getrennt ist, erlaubt ein Leben, das oft sehr unterschätzt wird: ein sense of peace and ease.
  • Es gibt vier Antriebe für sexuelles Verlangen bei Menschen: Lust, romantische Liebe, Bindung und der Drang, ein Selbst zu entwickeln und zu bewahren. Der letzte ist der stärkste Antrieb. Ein Beispiel: Bei Frauen gibt es einen Zeitpunkt im Zyklus, an dem ihr Verlangen erhöht ist. Aber: Wenn sie respektlos behandelt wird, hat die Frau trotzdem keinen Sex. D.h. der vierte Punkt ist stärker als die anderen drei.
  • Wenn Menschen Sex haben, verdrahten sie ihre Gehirne miteinander. (Auch im negativen Sinne, etwa bei Missbrauch und Trauma.) Viele Leute denken, es gehe in einer guten Beziehung um Wertschätzung und Bestätigung. Aber dauerhaft geht es darum, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und artikulieren zu können.
  • Die Regeln in einer Beziehung werden schon sehr früh festgelegt. Mit dem Reden über Verhütung setzt man die Regeln für die weitere Beziehung. Auch hier spielt die Entwicklung des Selbst eine sehr wichtige Rolle. Die Stabilität von Beziehungen hängt davon ab, dass beide auf eigenen Füßen stehen können. Und das verhandeln Paare u.a. zum ersten Mal am Thema Verhütung. Das gilt für alle Altersgruppen.
  • In einer Beziehung will immer ein Partner Sex/Intimität/andere Aspekte mehr als der andere. Derjenige hat die Kontrolle, ob er es weiß oder nicht - er nimmt Gelegenheiten an oder weist sie ab. Wenn derjenige z.B. Kondome will, hat er viel Kontrolle darüber, dass sie auch tatsächlich eingesetzt werden.
  • Man muss Jugendlichen diese Zusammenhänge erklären, damit sie einordnen können, was passiert.

Zusammenschau: Beiträge der TeilnehmerInnen, der VeranstalterInnen und des Kongressbeobachters Olaf Kapella

  • Mehr evidenzbasierte, nicht interessengeleitete Information und ihre Vermittlung sind dringend nötig.
  • Vorab wurde oft gefragt: Gibt es überhaupt noch etwas Neues zum Thema Verhütung? Der Kongress hat klar gezeigt: Wir stehen erst am Anfang, die Professionen zusammenzuführen.
  • Trotz der drei Tage wäre noch mehr Zeit zum Vernetzen nötig gewesen.
  • Es gab sehr unterschiedliche Aufmacher und Stimmungen in den Workshops, sie wurden aber alle bestimmt von sehr viel fachlicher Expertise und Information sowie sehr profunden Diskussionen.
  • Die Geschlechterperspektive: Von den rund 200 Kongressteilnehmenden waren 33 Männer Teilnehmer und ca. 160 Frauen. Dennoch sind alle ausgelegten „Kondometer“ (100 Exemplare), die neuen Kondommaßbänder der BZgA, mitgenommen worden ...
  • Die starke Dominanz des Themas „hormonelle Verhütungsmittel“ wurde teilweise beklagt. Auffallend viele Männer diskutierten über Hormone. Frauen sind möglicherweise gegenüber der hormonellen Verhütung kritischer.
  • Interdisziplinarität: Manche Gräben sind noch vorhanden, aber das Konzept, die verschiedenen Berufsgruppen ins Gespräch zu bringen, ist aufgegangen. Den Austausch zu gestalten und Kompetenzen zu stärken, ist geglückt. Die BZgA nimmt diese Anregungen mit und versucht, sie weiterzuführen!