Verhütung von Frauen und Männern im Lebenslauf: Sexualaufklärung im Kontext einer modernen Gleichstellungs- und Familienpolitik

Sehr geehrte Frau Professorin Pott, sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich sehr, Sie – auch im Namen von Frau Bundesministerin Dr. Kristina Schröder - auf dem 1. Deutschen Verhütungskongress der BZgA in Wiesbaden begrüßen zu können. Sie wäre heute gerne selbst in ihre Heimatstadt gekommen, um Sie persönlich zu begrüßen und bedauert es sehr, dass ihr dies aus terminlichen Gründen nicht möglich ist.

Erstmals kommen auf nationaler Ebene alle für das Thema Verhütung relevanten Fachleute aus Medizin, Beratung, Sexualpädagogik und -wissenschaft sowie den angrenzenden Fachdisziplinen zusammen, um Fragen rund um Verhütung zu diskutieren. Mein Dank gilt Ihnen, liebe Frau Prof. Pott, sowie allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der BZgA, die dieses Forum für einen breiten Dialog geschaffen haben und damit den Austausch zwischen den beteiligten Berufsgruppen gemäß dem Motto der Veranstaltung befördern:
Das „C“, steht nicht nur für contraception, sondern auch für „communicate“, „connect“ und „cooperate“. Mein Dank geht ebenso an alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft und Praxis, die durch ihr zahlreiches Erscheinen den interprofessionellen Dialog erst ermöglichen.

Meine Damen und Herren,
Sexualaufklärung wird im Schwangerschaftskonfliktgesetz als staatliche Aufgabe definiert. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat danach den gesetzlichen Auftrag, alters- und zielgruppenspezifische Konzepte zur Sexualaufklärung zu entwickeln. Verhütungsmethoden und -mittel sind Kernthemen der bundeseinheitlichen Aufklärungsmaterialien, die die BZgA in Kooperation mit Ländern und Beratungsträgern erstellt und an unterschiedlichste Institutionen insbesondere aus Medizin Beratung, Jugend- und Bildungsarbeit verteilt. Ziel ist es, Mädchen und Jungen sowie Frauen und Männer zu einem verantwortlichen Umgang mit Sexualität, Verhütung und Partnerschaft zu befähigen - nicht zuletzt um ungewollte Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüche zu vermeiden.

Das Verhütungsniveau ist in der Bundesrepublik Deutschland bei Jugendlichen und Erwachsenen erfreulich hoch. Ja, das Verhütungsverhalten bei Jugendlichen ist besser als je zuvor, und das ist keineswegs rein technisch zu verstehen. Die meisten Mädchen und Jungen erleben ihr „erstes Mal“ in einer festen Beziehung, sehen Sexualität, Liebe und Verhütung in einem ganzheitlichen Zusammenhang. Neben dem Elternhaus ist die Schule der wichtigste Ort zur Wissens- und Wertevermittlung rund um die Themen Liebe, Sexualität und Verhütung (Jugendsexualitätsstudie 2010). Wichtige Ansprechpartner bei intimen Fragen und Beratung über Kontrazeptiva sind (insbesondere für sexuell aktive Menschen) gynäkologische Praxen und Beratungsstellen. Jede Frau und jeder Mann hat in der Bundesrepublik das Recht, sich in Fragen der Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung sowie in allen eine Schwangerschaft berührenden Fragen in einer Schwangerschaftsberatungsstelle unentgeltlich informieren und beraten zu lassen. Dazu steht flächendeckend und wohnortnah ein plurales Angebot psychosozialer Beratungsstellen zur Verfügung.

Bundeszentrale Aufklärung und Information über Schwangerschaftsverhütung und individuelle fachkundige Verhütungsberatung gehen Hand in Hand und sichern den guten Erfolg der Aufklärungsarbeit in Deutschland. Mit der gesetzlich gesicherten kontinuierlichen Aufklärungsarbeit und Beratungsinfrastruktur sind wir gut aufgestellt in Deutschland. Das dichte Netz der Schwangerschaftsberatungsstellen und die Arbeit der BZgA gewährleisten bei der Prävention ungewollter Schwangerschaften ebenso wie bei den Frühen Hilfen ein europäisches Vorbild, ein „best practice“. Die aktuellen Daten der Bundesstatistik über Schwangerschaftsabbrüche bestätigen, dass die Aufklärung ankommt: 2010 haben wir mit rund 110.400 Schwangerschaftsabbrüchen absolut den niedrigsten Stand seit der (Einführung der Meldpflicht mit der) gesetzlichen Neuregelung 1996. Bei den Teenagerschwangerschaften liegt der Anteil mit 4.484 Abbrüchen bei nur rund 4 % an der Gesamtzahl. Damit sind wir bei der Verhütung ungewollter Teenagerschwangerschaften im europäischen Vergleich ganz außerordentlich erfolgreich.

Bei allen Erfolgen wissen wir aber auch: Unsichere oder mangelnde Verhütung, ungewollte Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbruch stehen auch in Deutschland weiter in engem Zusammenhang zu geringer Bildung, sozialer Benachteiligung und kulturellem Hintergrund.

Sexualaufklärung ist weit mehr als Wissensvermittlung über Verhütungsmittel und -methoden sowie biologische Fakten. Sie muss die Menschen in ihren jeweiligen individuellen Lebenssituationen und Lebensphasen in den Blick nehmen, in ihrer sozialen und kulturellen Identität. Sie muss die Beziehungen zwischen Menschen berücksichtigen und ihre Kompetenzen zur Kommunikations- und Konfliktfähigkeit fördern.

  • Ziel einer so verstandenen umfassenden Sexualerziehung ist die Befähigung zu einem verantwortlichen Umgang mit Sexualität sich selbst und dem Partner gegenüber
  • die Förderung selbstbestimmter Entscheidungen von Frauen und Männern in Bezug auf Sexualität und Kinderwunsch im ganzen Lebenslauf.

Betrachtet man aber Sexualität im ganzen Leben, dann wird schnell deutlich: Das „richtige“ Verhütungsmittel gibt es nicht. Die Wahl der Verhütungsmethode hängt von der individuellen Lebenssituation und der Lebensphase ab, sie ist immer wieder neu zu treffen. Neben Partnerschaft, Familiensituation, Beruf und Alter sind auch Gesundheit, Geschlecht, Verfügbarkeit, soziale Lage und Migration von Bedeutung für die Wahl der Verhütungsmethode.

Die Frage der Verhütung, insbesondere die Frage des Zugangs zu sicherer Verhütung, hat natürlich große Auswirkungen auf die Rolle der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter gestern wie heute.

Vor 100 Jahren wurde der 1. Internationale Frauentag gefeiert. Vor 50 Jahren kam in Deutschland die erste Antibabypille auf den Markt.

Die Pille hat die Veränderungen der Rolle der Frauen in der Gesellschaft und die gleichberechtigte Teilhabe der Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft in den Industrienationen maßgeblich mit geprägt. Seither konnten und können Frauen verlässlich verhüten – berufliche Lebensplanung steht nicht mehr unter den Vorzeichen des „Risikos Schwangerschaft“. Doch mit den „Segnungen“ entstanden auch Probleme: die Mütter wurden immer älter, der Kinderwunsch wird aufgeschoben, Spätgebären, Unfruchtbarkeit und Kinderlosigkeit sind die neuen Sorgenthemen der Sexualaufklärung und Familienplanung. Die Zahl der Geburten ist auf ein neues Rekordtief gesunken. 2009 kamen in Deutschland 665.000 Kinder zur Welt, etwa 17.000 weniger als im Vorjahr und halb so viele wie 1964.

Eine zweite Ambivalenz sehen wir, wenn wir über die Verantwortung für Verhütung in der Partnerschaft sprechen und die Erfolge der letzten Jahrzehnte würdigen. Auch wenn die Pille Verhütung verlässlich leicht macht, darf die Verantwortung für Verhütung nicht allein auf den Frauen lasten! Verhütung ist Frauen- und Männersache!

Kondome sind häufig eine sehr gute Alternative. Drei Viertel der deutschen Jungen und Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren verwenden beim ersten Geschlechtsverkehr Kondome.

Verhütung ändert sich kontinuierlich im Lebenslauf: Während die Pille bei den jungen Erwachsenen dominiert, nimmt ihre Beliebtheit mit zunehmendem Alter ab und die Spirale gewinnt an Bedeutung. Kondome werden von Frauen mittleren Alters oft in Kombination mit anderen Methoden genutzt (Studie frauen leben 1998).
Veränderungen von Verhütung im Lebenslauf lassen sich vor allem über Partnerschaftsformen und Familienkonstellationen erklären: Nicht verheiratete Frauen mit festem Partner nehmen am häufigsten die Pille, während verheiratete Frauen neben der Pille auch die Spirale benutzen. Sterilisation kommt fast ausschließlich bei Müttern und Vätern vor, um die Kinderzahl definitiv zu begrenzen. Die Verhütungsmethode wird von Frauen umso häufiger gewechselt, je mehr Kinder vorhanden sind und je mehr Partnerschaften eingegangen wurden (Studie frauen leben 1998, keine aktuelleren Daten vorhanden).

Verhütungsentscheidungen werden in engem Zusammenhang mit der Familienentwicklung und Paarbeziehungen getroffen. Die Wahl des Verhütungsmittels ist eine Entscheidung von Frauen und Männer im Lebenslauf.

Eine von der Bundesministerin für Familien, Senioren, Frauen und Jugend berufene Sachverständigenkommission hat dem BMFSFJ kürzlich das Gutachten zum 1. Gleichstellungsbericht der Bundesregierung vorgelegt.

Die Kommission hat Knotenpunkte und Übergänge im Lebensverlauf von Frauen und Männern herausgearbeitet, die sich auf die berufliche und privat-familiäre Situation nachhaltig auswirken.

Sie orientiert sich am Leitbild gleicher Verwirklichungschancen und echter Wahlmöglichkeiten für Frauen und Männer in allen Lebensbereichen und in allen Phasen des Lebens.

Die Kommission setzt dabei auf die gesellschaftliche Anerkennung neuer Rollen von Frauen und Männern und die veränderte – partnerschaftliche - Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit in der Gesellschaft. Was das Gutachten in Bezug auf eine moderne Gleichstellungs- und Lebenslaufpolitik entwickelt, bietet verschiedene Anknüpfungspunkte für die heutige Konferenz. Ich freue mich, dass mit Frau Prof. Helfferich ein Mitglied der Kommission heute als Referentin mitwirkt und den Faden in diese Richtung weiterspinnen wird.

Die Bundesregierung hat in den letzten Jahren eine moderne Familienpolitik entwickelt, an die wir gleichstellungspolitisch anknüpfen wollen. Mit der Einführung des Elterngeldes vor vier Jahren wurden die finanziellen Leistungen für junge Familien gravierend verbessert. Besonders die Partnermonate haben dazu beigetragen, dass Familiengründung im Lebenslauf von jungen Frauen und Männern nicht mehr automatisch zu Retraditionalisierung und geschlechtshierarchischer Aufgabenverteilung führt. Anstelle von 3,5 Prozent (vor der Einführung des Elterngeldes) sind es inzwischen 23 Prozent der Väter, die Elternzeit in Anspruch nehmen. Entscheidend ist die Ausgestaltung des Elterngeldes als Lohnersatzleistung.

Bis 2013 ist die flächendeckende, bedarfsgerechte Kinderbetreuung in Deutschland erreicht, der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz kommt.

Frauen und Männer dürfen bei der Realisierung des Kinderwunsches im Lebenslauf auf die Unterstützung des Staates zählen.

Die Realisierung des Kinderwunsches und die biographieangepasste Gestaltung der Verhütung gehören zu den höchstpersönlichen Entscheidungen im Lebensverlauf, für die eine vernünftige Balance von Planung und Vertrauen notwendig sind. 44 % der Frauen zwischen 25 und 45, die (noch) kein Kind haben, geben an, dass sie eigentlich aktuell keine Schwangerschaft planen, sich aber bei Eintritt einer Schwangerschaft freuen würden, wenn ihnen diese Entscheidung so abgenommen würde. Bei jungen Akademikerinnen beträgt der Anteil sogar 46 %. (forsa, Dez. 2010)

Ich wünsche der Tagung einen guten Erfolg und erhoffe mir und uns wichtige Impulse für eine zeitgemäße Verhütungsberatung und Sexualaufklärung für Frauen und Männer im Lebenslauf.

Ihre

Eva Maria Welskop-Deffaa
Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Chancengleichheit im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin