Dokumentation

Dokumentation

Während des Kongresses wurden Dokumentationen und Aufzeichnungen von allen Vorträgen und Workshops erstellt. Hier finden Sie in chronologischer Reihenfolge die Vorträge (teilweise auch zum Download).

1. Tag: Donnerstag, 31. März 2011

Eröffnung und Begrüßung 
Eva Maria Welskop-Deffaa, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Chancengleichheit im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin

 

Einführungsvortrag
Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln

Betrifft: Kontrazeption – Verhütungsaufklärung im Wandel der Zeit.

Der Einführungsvortrag gibt einen Überblick über die Ziele und Inhalte des Verhütungskongresses. Der gesellschaftliche und fachliche Wandel des Themas Kontrazeption wird – auch aus Sicht der BZgA – beschrieben und durch einen filmischen Streifzug durch die letzten sechs Jahrzehnte in Deutschland unterstützt

Die Pille wird 50 - eine Bilanz

 

Prof. Dr. Elisabeth Beck-Gernsheim, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Im Jahr 1961 wurde die Pille auf dem (bundes)deutschen Markt eingeführt. Obwohl  zunächst nur für verheiratete Frauen angeboten, und offiziell nur zur Regulierung der Menstruation, gewann sie schnell weite Verbreitung. Wahlfreiheit hieß die neue Verheißung: Frauen konnten selber entscheiden, ob sie ein Kind wollten, wann und wie viele sie wollten. Und sie konnten sich gegebenenfalls auch dagegen entscheiden.

Heute stellt sich die Frage: Wie ist, wenn wir zurückblicken, die tatsächliche Entwicklung verlaufen? Ist die Verheißung der Wahlfreiheit in Erfüllung gegangen?

Zusammenfassung

  • Deutschland war das erste Land in Europa, in dem die Antibabypille zugelassen wurde. Für die Frauen begann mit der Pille begann eine neue Epoche: Sie war einfach anzuwenden, sehr zuverlässig und versprach eine angstfreie Sexualität. Frauen konnten entscheiden, wann sie ein Kind wollten und ob (so die Verheißung damals).
  • Eine neue Technik ist nie neutral, sondern führt zu sozialem Wandel. Normen verändern sich: Aus der Möglichkeit der bewussten Geburtenkontrolle wird die Erwartung, dass man sie auch verantwortungsbewusst nutzt.
  • Mutterschaft soll heute so unauffällig und effizient wie möglich organisiert werden. Die Verheißung ist: Dafür dürfen Frauen an den Segnungen der Moderne teilhaben. Aber: In der modernen Arbeitswelt gibt es den optimalen Zeitpunkt fast nie.
  • Problem des unerfüllten Kinderwunsches: Die biologischen Voraussetzungen des Mutterwerdens werden mit dem Alter immer schwieriger. Immer neue Angebote der Reproduktionsmedizin verheißen Auswege. Die Kehrseite: Kosten, soziale, medizinische, psychische und physische Belastungen.
  • Die Wahlfreiheit der Pille ist für diese Frauen ins Gegenteil umgeschlagen, sie macht sie zu abhängigen Klientinnen der Reproduktionsmedizin.
  • Dafür werden politische Lösungen gebraucht, wie z.B. im 7. Familienbericht genannt: „neuer Zeitplan“, keine rush hour des Lebens mehr, flexiblere Bedingungen, mehr Spielräume, sodass frühe Elternschaft nicht mehr sanktioniert wird.

Früher oder Später - Verhütung und Kinder im Lebenslauf

Prof. Dr. Cornelia Helfferich, Evangelische Hochschule Freiburg

Der Vortrag geht der Bedeutung „früher oder später“ – Mutterschaft im Leben von Frauen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Bildung nach. Entsprechend unterschiedlich wird sichere Verhütung im Lebenslauf „früher oder später“ eingesetzt –  mit Folgen für die „reproduktive Gesundheit“ der Frauen und Paare.

Zusammenfassung

  • Unterschiede bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen: Je nach Bildung und Migrationshintergrund kommen sexuelle Aktivität und auch Kinder früher oder später.
  • Verhütung braucht man nur ab dem Beginn von intimen heterosexuellen Beziehungen, wenn die erste Geburt aufgeschoben, der Abstand von Geburten vergrößert oder die Kinderzahl begrenzt werden soll.
  • Die Studie „frauen leben - Familienplanung und Migration im Lebenslauf“ im Auftrag der BZgA hat Frauen mit türkischem und osteuropäischem Migrationshintergrund befragt.
  • Migrantinnen sind bei der Geburt des ersten Kindes jünger (23 Jahre statt fast 28). Türkische Migrantinnen empfinden das oft als angemessenes Alter; für Osteuropäerinnen ist die frühe Mutterschaft im Herkunftsland kein Nachteil, dort sind außerdem weniger Verhütungsmittel verfügbar.
  • Entsprechend ist der Bedarf an Verhütung verschoben! Verhütung bekommt für niedrig qualifizierte türkische Migrantinnen oft erst Bedeutung, wenn genug Kinder da sind. Kinder sind selbstverständlich, es bedarf einer bewussten Entscheidung gegen sie.
  • Im deutschen Bildungssystem gilt jedoch: Je früher eine Frau ein Kind bekommt, desto niedriger ist ihre Chance, eine Berufsausbildung abzuschließen. Frühe Mutterschaft verhindert Erwerbs- und Bildungschancen.
  • Fazit: Das System muss sich ändern, um auch Ausbildung und Familie vereinbaren zu können.

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Die Neurobiologie der Sexualität

Prof. Dr. Tillmann Krüger, Medizinische Hochschule Hannover

Der Vortrag illustriert die neuronalen und hormonellen Grundlagen menschlicher Sexualität und skizziert die Vorgänge während sexueller Lust, Erregung, Orgasmus und Befriedigung. Zudem werden grundlegende neuronale Mechanismen der Paarbindung erörtert und die Auswirkungen medizinischer Interventionen wie hormonelle Kontrazeptiva auf Sexualität und Verhalten aufgezeigt.

Zusammenfassung

  • Für Menschen spielen die kulturellen Faktoren eine sehr große Rolle. Das ist ein großer Unterschied zur Tierwelt, dort sind Hormone bestimmender.
  • Die beteiligten Hormone beim Menschen sind u.a. Sexualsteroide, zerebrale Monoamine und Neuropeptide. Prolaktin wird während und nach dem Orgasmus ausgeschüttet. Oxytocin wird beim Sex ganz kurz ausgeschüttet. Man vermutet, dass es fördernd für die Paarbindung sein könnte.
  • Frauen verhalten sich in einem natürlichen Zyklus anders, als wenn sie hormonell verhüten. Um den Eisprung herum werden Studien zufolge genetisch sehr unterschiedliche, also starke Partner gewählt; ansonsten eher der verlässliche Typ. Diese Unterschiede verschwinden, wenn eine Frau die Pille nimmt.
  • Männer finden Frauen, die nicht die Pille nehmen, in deren Zyklusmitte attraktiver.  Sie scheinen das über Verhalten und Aussehen wahrzunehmen.
  • Romantische Liebe kann ein sehr obsessiver Zustand sein. Wenn man Gehirne verliebter Menschen untersucht, sieht man ein bestimmtes Aktivierungsmuster in Regionen, die reich an Dopamin sind. Subkortikale, limbische Strukturen sind involviert. Andere Regionen sind deaktiviert, zum Beispiel im rechten Neokortex und dem rechten präfrontalen Kortex.

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Eckhard Schroll:
Sichergehn. Vom Rahmenkonzept zu internationalen Standards für die Sexualaufklärung

Zusammenfassung

  • Der Beitrag liefert einen Überblick, welche Themen in den letzten 50 Jahren in der Sexualaufklärung behandelt wurden:
  • 50er Jahre: Es gab vor allem Informationen zu körperlichen Funktionen für Ehefrauen.
  • 60er Jahre: Beginn der Sexualaufklärung in der Schule. 1969 gab es den Sexualkunde-Atlas als erstes offizielles Medium. Im Film „Helga“ war erstmals eine Geburt auf einer Leinwand zu sehen.
  • 70er Jahre: Sexualaufklärung von Jugendlichen und Erwachsenen wird Thema. Das Bundesverfassungsgericht erlaubt Sexualaufklärung in der Schule explizit. Erstmals werden junge Männer direkt angesprochen (in „Muss-Ehen muss es nicht geben“).
  • 1986: Die Ottawa-Charta wird verabschiedet.
  • 1992: Das Gesetz über Aufklärung, Verhütung, Familienplanung und Beratung formuliert einen gesetzlichen Auftrag für die BZgA.  Der Fokus der Materialien ändert sich: Jugendliche sollen Verantwortung für die eigene Sexualität und Verhütung beider Partner übernehmen, Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit werden gefördert.
  • Die Situation heute: Es gibt Curricula in allen Bundesländern. Nicht alle Eltern befürworten jedoch die Sexualaufklärung. Es gibt nach wie vor gesellschaftliche Auseinandersetzungen.
  • Internationale Standards: 2006 hat die BZgA ihre Arbeit einem internationalen Publikum auf einer WHO-Tagung zur Sexualaufklärung mit 12 Staaten Europas vorgestellt. Die BZgA erhielt den Auftrag, ihre Erfahrungen als Grundlage für europaweite Empfehlungen zusammenzutragen. Hintergrund war der Anstieg von Teenagerschwangerschaften und HIV-Infektionen.
  • Die Botschaften der 2010 veröffentlichten „Standards für die Sexualaufklärung in Europa“ sind klar: Umfassende Sexualaufklärung für alle ab der frühesten Kindheit. Es geht nicht nur um biologische Aspekte, sondern um die Befähigung, verantwortliche Entscheidungen für die eigene Gesundheit und die des Partners/der Partnerin zu treffen. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche zu stärken.

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2. Tag: Freitag, 1. April 2011

"state of the art" bei weiblicher Kontrazeption

Prof. Dr. Thomas Rabe, Deutsche Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin, Heidelberg

Aktueller Stand der Kontrazeption bei der Frau unter Berücksichtigung von Indikationen, Kontraindikationen, Vor- und Nachteilen im Sinne einer Risikoanalyse.  Patientenauswahl für die einzelnen Methoden mit Risikoselektion zur Risikominimierung, einschließlich Notwendigkeit einer "Dual protection" - Beratung über "Kontrazeption und Safer Sex" Vorstellung von Neuentwicklungen.

Zusammenfassung

  • Familienplanung weltweit: Die WHO hat viel erreicht, aber immer noch haben 40 % der verheirateten Frauen keinen Zugang zu Verhütung.
  • In Afrika verwenden nur 27 % der Frauen Verhütungsmittel. In Deutschland gibt es 16,6 Mio. fertile Frauen, 8,8 Mio. verhüten, 6,2 Mio. hormonell.
  • Die Pille hat „non hormonal benefits“: Zyklusregulierung, Blutungsstärke, positive Wirkung auf Haut und Haare, weniger Zysten, weniger Beckenentzündungen.
  • Die Pille hat aber auch Nebenwirkungen: in den 60er Jahren Lungenembolien, Brustkrebs und Thrombosen. Man hat seitdem die Pillen niedriger dosiert. Venöse Thromboembolien sind heute das Hauptproblem. Das Risiko nimmt mit dem Rauchen, mit BMI und Alter zu. Am häufigsten sind Thrombosen bei Einnahmebeginn.
  • Für die Zukunft wird das Erkennen von Risikopatientinnen und die Familienanamnese immer wichtiger

Weibliche Sexualität und Verhütung: Welche Verhütung passt zu mir? Einfluss der Hormone auf die weibliche Sexualität.

Dr. Anneliese Schwenkhagen, Hormonzentrum Altonaer Straße, Hamburg

Östrogene und insbesondere Androgene spielen bei der sexuellen Reaktion der Frau eine wichtige Rolle.  Erste Studien zeigen positive Effekte einer Androgentherapie auf die sexuelle Funktion. Welche Rolle hormonale Kontrazeptiva bei der Entstehung sexueller Probleme spielen, ist bisher nicht eindeutig geklärt.

Zusammenfassung

  • Viele Frauen zwischen 30 und 50 stehen vor der Aufgabe, Kinder, Partner, Karriere, den Alltag oder Krankheiten miteinander zu vereinbaren ... und wo bleibt der Sex? Ganz oft wächst nach der ersten Geburt die Lustlosigkeit, Stress und Müdigkeit nehmen zu.
  • Female sexual dysfuncion: Ist das ein echtes Krankheitsbild, das medikamentöser Hilfe bedarf, oder ein Fall von Medikalisierung (Disease Mongering)?
  • Studien zeigen: Lustlosigkeit nimmt mit dem Alter zu, die Belastung dadurch nimmt aber mit dem Alter ab. Eine australische Studie fand keine signifikanten Assoziationen von Lustlosigkeit mit Alter, der Menopause oder Hormontherapie. Lustlosigkeit ist in langen Beziehungen wahrscheinlicher; weniger wahrscheinlich ist sie bei guten Liebhabern und wenn Sex für die Frau eine wichtige Rolle spielt.
  • Gute, randomisierte Studien zeigen, dass Testosteron breite Effekte auf sexuelle Zufriedenheit hat – allerdings nur bei Frauen, die vorher einen Testosteronmangel hatten. Das Problem: Man kann einen Testosteronmangel im Labor bei Frauen kaum nachweisen. Testosteron zusätzlich einzunehmen, hat jedoch auch Risiken.
  • Zum Einfluss der Pille auf die Sexualität gibt es keine gute Datenlage. Wahrscheinlich gibt es starke kulturelle Einflüsse. Eine neue Studie an deutschen Medizinstudentinnen ergab: Ein Drittel der Studentinnen hat ein Risiko für sexuelle Unzufriedenheit. Frauen, die hormonell verhüteten, sind signifikant unzufriedener. Die nichthormonelle Kontrazeption schneidet am besten ab. Eine mögliche Erklärung ist, dass das freie Testosteron bei hormoneller Verhütung abfällt. Aber: Nicht bei allen Frauen, die hormonell verhüten, sinkt auch das sexuelle Verlangen.

Verhütung in Europa. Unterschiede in Zugang und Anwendung von Kontrazeptiva

Dr. Brigitte Frey Tirri, Frauenklinik, Universitätsspital Basel

Frauen praktizieren verschiedene Methoden der Geburtenkontrolle. Es gibt Kontrazeptiva „on demand“, d.h. sie werden nur während oder nach einem Geschlechtsverkehr angewendet. Es gibt aber auch Langzeit-Methoden und Verhütungsmethoden, die regelmässig täglich, wöchentlich oder monatlich angewendet werden. Die Präferenz einer Methode ist unterschiedlich in den verschiedenen europäischen Ländern. Geht man diesen Daten eingehender nach, finden sich verschiedene Gründe für diese Unterschiede. Es gibt direkte Faktoren und indirekte Faktoren, die die Unterschiede erklären können. Die direkten Faktoren sind Verfügbarkeit, Zugänglichkeit, und Akzeptanz einer Methode im jeweiligen Land. Weitere direkte Faktoren sind die Verträglichkeit der Methode und die Bekanntheit der kontrazeptiven Methode in der jeweiligen Gesellschaft. Indirekte Faktoren können eingeteilt werden in Faktoren auf einem Mikrolevel und einem Makrolevel. Unter dem Mikrolevel verstehen wir die Faktoren, die eine Rolle für die Anwendung spielen auf der Ebene der persönlichen Erfahrung und der Erfahrung, die die beratende Person gemacht hat. Wer klärt auf und wie klären die verschiedenen Berufsgruppen auf?

Die Faktoren auf der Makroebene sind einerseits Faktoren die bedingt sind durch das jeweilige Gesundheitssystem des Landes. Das bedeutet, dass Länder mit einem finanziell kleineren Budget für Gesundheitskosten andere Verhütungsmethoden bevorzugen werden als ein reiches Land. Es spielt eine Rolle, ob im Land das Gesundheitssystem mehrheitlich privat oder staatlich getragen wird und wieviel die unterschiedlichen Verhütungsmethoden kosten. Andererseits spielen die politischen und gesetzlichen Bestimmungen im Land eine wichtige Rolle bei der Verbreitung einer Verhütungsmethode. Sind Abruptiones, die „Pille danach“ oder die Sterilisation erlaubt? Wie wird die Aufklärung in den Schulen gehandhabt, welche Rolle spielen religiöse Einflüsse? Diesen Fragen wird im Referat nachgegangen und soll die verschiedenen Bedingungen, denen die Frauen in den verschiedenen Ländern gegenüber stehen deutlich machen und zu einem vertieften Verständnis der Unterschiede führen.

Verhütung in Deutschland. Aktuelle Ergebnisse der BZgA-Studien 

Angelika Heßling, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln

 

Seit fast 30 Jahren analysiert die BZgA die Einstellungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen in Bezug auf Sexualität und Verhütung. Die aktuelle Befragung ist die 7. Studie dieser Trendreihe. Die Ergebnisse zeigen das beste Verhütungsverhalten, das je gemessen worden ist. Was sind die Gründe hierfür? Daneben werden die aktuellen BZgA-Verhütungsdaten von Erwachsenen aus dem Jahr 2011 präsentiert.

Zusammenfassung

  • Die Daten stammen aus den aktuellen Studien der BZgA.
  • Bei den 16-Jährigen sind 34 % der Jungen und 50 % der Mädchen sexuell aktiv. Mit 17 Jahren sind es 65 bzw. 66 %. Es stimmt also nicht, dass viele Jugendliche sexuell schon sehr früh aktiv sind.
  • Jugendliche mit Migrationshintergrund: Jungen sind in allen Altersgruppen sexuell aktiver als die deutschen Jungen. Mädchen haben weniger sexuelle Erfahrung als die deutschen Mädchen.
  • Verhütung beim ersten Mal: nur 8 % der deutschen Jugendlichen, aber 12/18 % bei Mädchen/Jungen mit Migrationshintergrund haben beim ersten Mal nicht verhütet. Das Verhütungsverhalten, auch beim ersten Geschlechtsverkehr, hat sich in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert.
  • Den aktuellen Daten zum Verhütungsverhalten der 18-49 jährigen Erwachsenen (telefonische Befragung) zufolge verhüten 76 %, davon 53 % mit der Pille. Spirale wird ab 30 Jahren verstärkt genutzt, Sterilisation ab 40. Bei Erwachsenen ohne feste Partnerschaft ist das Kondom sehr verbreitet.
  • Verhütungspannen: Probleme beim Kondom sind oft auf eine falsche Kondomgröße zurückzuführen. Die „Pille danach“ haben 12 % der Mädchen schon mal verwendet. 48 % davon, weil das Kondom gerissen ist, 26 %, weil sie die Pille vergessen haben, 24 % hatten nicht verhütet.

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10 Parallele Workshops

Workshop 1
Moderation: Dr. Claudia Schumann, Deutsche Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Northeim

Kontrazeption und Einfluss auf Körperwahrnehmung, Sexualität und Partnerschaft

Die Wahl der Verhütungsmethode - auch im Lebenslauf – ist meist nicht von Auswirkungen auf Körper, Sexualität und Partnerschaft zu trennen. Ebenso beeinflussen Körperbilder, eigene Werte und Einstellungen bezüglich Sexualität und Fruchtbarkeit die Entscheidung für eine Verhütungsmethode. Dieser Zusammenhang wird oft nicht hinreichend berücksichtigt in der Beratung und/oder Verschreibung von Verhütungsmitteln. Welche psychosomatischen Aspekte wirken sich auf die Wahl einer Verhütungsmethode aus? Sind für das spätere Kontrazeptionsverhalten Erfahrungen im Jugendalter relevant? Wie wichtig ist die Menstruation heute? Der Workshop beleuchtet - aus Sicht verschiedener Disziplinen - das Thema Kontrazeption und Körper aus einem ganzheitlichen Blickwinkel.

Inputs

Neue Aspekte der Natürlichen Familienplanung:
Mythen und Fakten
Dr. Petra Frank-Herrmann, Universitätsfrauenklinik Heidelberg 

Mit der Methode Sensiplan können Frauen heute mit wenig Aufwand das fruchtbare Fenster im Zyklus selbst bestimmen und hochsicher verhüten. Sie erwerben dabei ein hohes Maß an reproduktiver Kompetenz, eine intensivere Körperwahrnehmung und einen neuen Zugang zu ihrer eigenen Fruchtbarkeit.

Psychosomatische Aspekte der Verhütung  und ihre Wahrnehmung in der Verhütungsberatung
Dr. Dorothea Schuster, Deutsche Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Dresden

Die Einflüsse der Kontrazeption auf Körperwahrnehmung, Sexualität und Partnerschaft, die bei der Einführung der Pille Forschungsgegenstand detaillierter Untersuchungen waren, sind bei modernen Antikonzeptiva weiterhin wahrnehmbar und bei der Verhütungsberatung entsprechend zu beachten.
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Bedeutung und Erleben der Menstruation 
Anja Herrenbrück, Psychologische Beratungsstelle, Bremen

Die Autorin ist in einer qualitativen Studie der Frage nachgegangen, welche bewusste und unbewusste Bedeutung die Regelblutung im Erleben einzelner Frauen einnimmt, inwieweit innere Bilder über den eigenen weiblichen Körper mit eigenen und mit gesellschaftlichen Einstellungen zur Regelblutung im Zusammenhang stehen und welchen Stellenwert eine medikamentöse Kontrazeption, unter der die Frau amenorrhoeisch wird, dabei einnimmt.
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Workshop 2
Moderation: Dr. Klaus König, Berufsverband der Frauenärzte e.V. Steinbach

Hormonelle Kontrazeption

Vereinzelten Studienergebnissen zufolge scheint es einen Zusammenhang zwischen sexuellen Funktionsstörungen und hormoneller Kontrazeption zu geben. Welche Empfehlungen bezüglich Sicherheit vs. Eingriff in das Körpergeschehen resultieren aus den aktuellen Erkenntnissen für die verschiedenen Altersgruppen? Welche Rolle kann dabei die Verhütung für den Mann spielen? Wissenschaftliche Ergebnisse und Erfahrungen aus der Praxis zu hormoneller Verhütung einschließlich Langzyklus werden vorgestellt und diskutiert.

Inputs

Aktuelle Erkenntnisse und Praxis: Nebenwirkungen und Risiken vs. Sicherheit; Verhütung bei Frauen mit Epilepsie
Dr. Anneliese Schwenckhagen, Hormonzentrum Altonaer Straße, Hamburg

 

Bei der Wahl eines hormonalen Kontrazeptivums müssen neben Wünschen und Lebenssituation der ratsuchenden Frau, auch Begleiterkrankungen und Comedikation berücksichtigt werden. Werden z.B. bilaterale Medikamenteninteraktionen zwischen hormonalen Kontrazeptiva und Antiepileptika nicht bedacht, kann dies ggf. dramatische Folgen haben,  z.B. ungeplante Schwangerschaften oder eine Verschlechterung der Anfallskontrolle.

Hormonelle Kontrazeption für den Mann: Stand der Entwicklung
Prof. Dr. Eberhard Nieschlag, ehem. Direktor des Instituts für Reproduktionsmedizin am Universitätsklinikum Münster

 

Das Prinzip der männlichen Kontrazeption, dessen Wirksamkeit bereits in den 1990er Jahren nachgewiesen wurde, besteht in der Suppression der die Hodenfunktion regulierenden Gonadotropine der Hirnanhangdrüse und dem gleichzeitigen Ersatz des Testosterons zur Aufrechterhaltung der Männlichkeit. Dieses Ziel lässt sich am besten mit der Verabreichung von Testosteron alleine oder Testosteron in Kombination mit einem Gestagen erreichen. Allerdings ist die Pharmaindustrie, deren Mitwirken zum Erreichen der Marktreife dieser Hormonkombination erforderlich ist, auf diesem Gebiet nicht tätig, so dass die Last der Entwicklung gegenwärtig ganz bei Organisationen wie der WHO und dem Population Council (Rockefeller Foundation) liegt.
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Langzyklus
Dr. Gabriele Merki, Klinik für Reproduktions-Endokrinologie, UniversitätsSpital Zürich              

Die Einnahme von hormonellen Verhütungsmitteln wurde dem Monatszyklus angepasst, ohne dass es dafür eine medizinische Begründung gab. In den letzten Jahren wurde von verschiedenen Seiten der Langzyklus empfohlen. Im Gegensatz zur bisherigen 21-tägigen Pilleneinnahme in einem Monat wird hier die hormonale Verhütung nicht unterbrochen. Diese liegt bei einer Dauer von > 21 Tagen bis zu einem Jahr. Dies führt aber auch zu einer größeren monatlichen Menge an eingenommenen Hormonen. Risiken und Nutzen sowie Kosten des Langzyklus werden thematisiert.

Workshop 3
Moderation: Dr. Knut O. K. Hoffmann, Sexualmedizin Praxis und Institut, Karlsruhe

Nichthormonelle Kontrazeption

Kondome werden als Schutz vor STIs und HIV/Aids in allen Altersgruppen zunehmend akzeptiert und genutzt. Dagegen gelten Barrieremethoden für die Frau wie z.B. das Diaphragma oder auch die natürliche Familienplanung (NFP) häufig als unmodern, unsicher und schwierig in der Handhabung. Sind sie ein Auslaufmodell? Für welche Zielgruppe bzw. welchen Typ Frau und Mann sind die verschiedenen Barrieremethoden geeignet? Welche Rolle spielen Angst vor Libidoverlust, der Einfluss auf die partnerschaftliche Sexualität oder Kinderwunsch bei der Auswahl einer geeigneten Methode? Ist die  Sterilisation/ männliche Vasektomie für ein Paar eine Alternative? Die Einordnung und die Barrieren für nichthormonelle Kontrazeption werden betrachtet und diskutiert.

Inputs

Die Entwicklung der nichthormonellen Kontrazeption bis heute
Martin Kessel, Kessel-Marketing, Mörfelden-Walldorf

 

Geschichte, Impulse und Entwicklungen in der Schwangerschaftsverhütung der letzten 550 Jahre. Vom Leinensäckchen zur Silikonmembran. Im zeitlichen Verlauf der Entdeckung und Entwicklung von Produkten zur nicht hormonellen Verhütung und Regulierung der Fruchtbarkeit  spiegeln sich gesellschaftliche Notwendigkeiten, Säkularisierung und medizinisch technische Erkenntnisse. Die Zeitreise der Konzeption geht durch die Stationen der Methoden, Produkte und deren ErfinderInnen bis heute. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig bis heute praktische Fragen der Regulierung der Fruchtbarkeit sind. 

Die Vasektomie bei abgeschlossener Familienplanung
Dr. Hermann Berberich, Praxis für Urologie, Andrologie, Psychotherapie & Sexualmedizin, Frankfurt Höchst 

 

 

Neben dem Kondom gibt es nur die Vasektomie als Verhütungsmittel für den Mann. Die Zahl der sterilisierten Männer beträgt zurzeit 2%. Der Eingriff ist einfach und ambulant durchführbar. Die langfristige Zufriedenheit ist mit über 90% hoch.

Kondome und Kondomnutzung
Martin Gnielka, Institut für Sexualpädagogik, Dortmund

Der Vortrag beschreibt die aktuelle Bedeutung des Kondoms für das Verhütungsverhalten Jugendlicher und Erwachsener. Bekannte Hindernisse und Probleme bei der Kondombenutzung sowie Ansätze zur Verbesserung werden aufgezeigt.
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Erfahrungen in der Praxis mit Diaphragma und Portiokappe
Cornelia Burgert, Feministisches Frauen Gesundheitszentrum, Berlin

Das FFGZ e.V. Berlin, entstanden aus der Frauenbewegung der 70er Jahre, hat sich von Beginn an für die Anwendung von Portiokappe und Diaphragma engagiert. Berichtet wird über das Beratungskonzept und die Erfahrungen der Frauen.
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Workshop 4
Moderation: Dr. Christian Albring, Berufsverband der Frauenärzte e.V., Hannover

Kontrazeptionsberatung

In der Aufklärung und Beratung von Menschen zu Fragen der Kontrazeption sind sowohl FrauenärztInnen als auch Fachkräfte der Beratungsstellen beteiligt. Sie beraten aus Sicht ihrer jeweiligen Disziplin und auf Grundlage ihrer Erfahrungen aus der Praxis. Es gibt keine verbindliche Leitlinien und keine interdisziplinär abgestimmten Empfehlungen zur Verhütungsberatung. Wie können sich Beratungsstellen und Gynäkologie stärker miteinander vernetzen? Was wissen wir über die Qualität der Beratung der verschiedenen Fachrichtungen? Welche juristischen Aspekte spielen in der Praxis eine Rolle? Der Workshop wird sich mit der Frage beschäftigen: was wird benötigt für die Beratung und die Empfehlung zur Verwendung von Kontrazeptiva? 

Inputs

Richtlinien und Empfehlungen der WHO zur Verwendung von Kontrazeptiva 
Olga Loeber, European Society for Contraception, Nijmwegen, Niederlande

Die WHO hat mehrere sehr praktikable Instrumente und Kriterien zur Verwendung verschiedener Kontrazeptiva entwickelt, wie z.B. die ‘Medical Eligibility Criteria (MEC)‘, das MEC Rad, a ‘Guide zu Family Planning‘ und ein ‘Decision Making Tool‘.

Einige dieser Instrumente werden vorgestellt und erklärt,  wie man sie als Unterstützung/Empfehlung in der Kontrazeptionsberatung einsetzen kann.
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Gesprächsführung in der Verhütungsberatung
Dr. Brigitte Frey Tirri, Frauenklinik, Kantonsspital Bruderholz

Das Ziel der kontrazeptiven Beratung soll sein, die kontrazeptive Effizienz zu maximieren, gesundheitliche Risiken zu minimieren, die Verträglichkeit zu optimieren und zusätzliche Benefits zu realisieren und unnötige Kosten zu vermeiden. Um dies zu erreichen, sollen das Patientinnenprofil, das Situations- und das Methodenprofil gemeinsam mit der Patientin besprochen und so die individuell bestmöglichste Verhütung  gefunden werden.

Zusammenfassung

  • Am häufigsten wird europaweit die Pille verwendet. Verhütungsmethoden werden je nach Land unterschiedlich häufig einsetzt.
  • Etwa 25 % der Frauen verhüten europaweit nicht.
  • Direkte Faktoren für die Unterschiede in den einzelnen Ländern sind: Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Kosten, Akzeptanz (soziokulturelle Unterschiede), Verträglichkeit und Stabilität der Methode.
  • Indirekte Faktoren sind: Gesundheitssystem, soziokulturelle Faktoren, Produktivität und Wohlstand; Armut als größter Risikofaktor für eine schlechte Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln; religiöser Background; Medien; politischer und Gesetzesrahmen, z.B. Gesetze über die Abgabe der Pille danach; Vorgehen gegen sexuelle Gewalt; Gesundheitserziehung in den Schulen.
  • Individuelle Faktoren: Dazu gehören der fachliche und persönliche Hintergrund des/der Verschreibenden oder Beratenden und vor allem die Entscheidung der einzelnen Frau. Jede Frau hat andere Vorlieben und verträgt Verhütungsmittel verschieden gut.


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Rechtliche Fragestellung in der gynäkologischen Beratung
Claudia Halstrick, Justiziarin, Berufsverband der Frauenärzte e.V., München

Aufklärung und Dokumentation bei der Verordnung von Kontrazeptiva aus rechtlicher Sicht, Einwilligungsfähigkeit Minderjähriger: Grundlagen, Besonderheiten bei der Verordnung von Kontrazeptiva etc.
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Workshop 5
Moderation: Anke Erath, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln

Verhütungspannen und Motive für Nicht-Verhütung

Die Planung von (gelungener) Verhütung steht manchmal mit sexueller Leidenschaft in Widerspruch. Ist Sex überhaupt planbar? Wie viel Geduld haben wir mit Pannen? Sind Verhütungspannen eine Frage von Verfügbarkeit und Wissen? Welche Kommunikationsfertigkeiten und Handlungskompetenzen brauchen insbesondere junge Menschen, um sicher zu verhüten und Risikosituationen richtig einzuschätzen? Welche national und international erfolgreichen Umsetzungsstrategien zur Vermeidung von Verhütungsfehlern gibt es? Anhand von praktischen Beispielen werden der Stellenwert von Verhütungspannen und der Umgang damit in der Arbeit der Beratungsstellen und der gynäkologischen Praxis diskutiert. 

Inputs

Wenn Verhütung scheitert – Analysen zu Verhütungspannen bei Jugendlichen
Dr. Silja Matthiesen, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Wenn Jugendliche schwanger werden, so ist dies in der Regel ein Ergebnis gescheiterter Verhütung. Im Mittelpunkt des Vortrags steht die Frage, wie es zu diesem Scheitern kommt.

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Notfallverhütung - Die britische Erfahrung
Dr. Anja Guttinger, Queens Medical Research Institute, Edinburgh

Notfallverhütung ist seit 1977 in Großbritannien erhältlich (‚Yuzpe’ Methode), seit 1984 wurde ein Östrogen/Progesteron enthaltendes Präparat PC4® verschrieben. Dieses wurde in 2000 von Levonelle-2®  abgelöst. Als Progesteronepräparat hat es deutlich weniger Nebenwirkungen und Kontraindikationen. Seit 2009 ist ellaOne® (Ulipristal) als zweites orales Präparat erhältlich. Zusätzlich zu den oralen Methoden wurde die Kupfer enthaltende Spirale bis zu 5 Tagen nach ungeschütztem Verkehr oder bis zum Zyklustag 19 eingesetzt.

Aus sozialpolitischen Gründen hat in Großbritannien eine frühe und umfassende Deregulierung der oralen Notfallverhütung stattgefunden. Das Wissen um Notfallverhütung und seine Bezugsquellen ist heute weit verbreitet. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, daß die Deregulierung nicht zu einem weniger verantwortungsvollem Verhütungsverhalten geführt hat. Notfallverhütung eröffnet vielmehr die Chance längerfristige und zuverlässigere Verhütungsmethoden zu initieren, den sogenannten ‚quickstart’.

Notfallverhütung bei jungen Frauen, nach Sexualverbrechen und in sozialen Randgruppen wird diskutiert.

„Verhütungspannen / Nichtverhütung - wie wir unsere KlientInnen erreichen und Anwendungsfehler vermeiden“
Heinz Krämer, Landesverband Saarland pro familia, Saarbrücken

In der § 219-Beratung und der sexualpädagogischen Jugendarbeit erfahren BeraterInnen immer wieder, dass die mangelnde medizinische Aufklärung, die geringe Kenntnis über Verhütungspannen mit der Pille und inadäquate Risikoeinschätzung bei der Notfallverhütung zu unerwünschten Schwangerschaften führen. Gleichzeitig führen bei einem bestimmten Personenkreis Finanzierungsschwierigkeiten für sichere Verhütungsmittel zu einem risikoreichen und fatalistischem Umgang mit der Verhütung. Der Vortrag zeigt auf, welche Methoden und Mittel eingesetzt werden, um Frauen /Männer zu informieren, Verantwortungsbewusstsein zu steigern und politisch Einfluss zu nehmen.

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Bleib entspannt. Mach dich schlau“. Die neue Initiative der BZgA zur Sexualaufklärung Jugendlicher
Oliver Schwenner, i.A. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln

Vorstellung einer cross-medialen Kommunikationsstrategie mit dem Ziel, Jugendliche zu befähigen, bei sexuellen Kontakten rechtzeitig miteinander über Verhütung zu sprechen und sie für riskante Situationen zu sensibilisieren.
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Workshop 6
Moderation: Prof. Dr. Ulrike Busch, Hochschule Merseburg

Sexuelle und reproduktive Rechte

Die WHO definiert die sexuellen Rechte als das Recht jedes Menschen, frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt, auf einen bestmöglichen Standard sexueller Gesundheit, einschließlich des Zugangs zu sexueller und reproduktiver Gesundheitsversorgung (Entwurf, 2002). Dazu gehört auch die Aufklärung und Beratung in Fragen der Sexualität, Verhütung und Familienplanung. Aktuelle Studien und Erfahrungen aus der Praxis belegen einen Einfluss sozialer Indikatoren auf das Verhütungswissen, das Verhütungsverhalten und die Austragung einer Schwangerschaft. Wie kann die Versorgung verbessert werden? Wie können Hilfeangebote noch optimaler miteinander vernetzt werden, so dass alle Frauen und Männer eine selbstbestimmte Entscheidung in Bezug auf Sexualität und Familienplanung treffen können?

Inputs

Sexuelle Selbstbestimmung als Menschenrechte
Anne Thiemann, Deutsches Institut für Menschenrechte, Berlin

Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Begriff den Frauenbewegungen in aller Welt geprägt haben, um das Recht zu formulieren, nicht gegen den eigenen Willen sexuell benutzt zu werden. Neben dem Recht auf Schutz vor sexueller Gewalt und verschiedenen Aspekten sexualisierter Ungleichheit, sind Fragen rund um reproduktive Gesundheit seit den 1990er Jahren im internationalen Menschenrechtsschutz auf der Tagesordnung.

Inhalt: Der Vortrag wirft den Blick über den deutschen Tellerrand hinaus und beschreibt aktuelle Erfolge und Widerstände in der Umsetzung sexueller und reproduktiver Rechte auf internationaler Ebene.

Zugang zu Verhütung: Verhütungskosten im europäischen Vergleich unter besonderer Berücksichtigung der aktuellen Entwicklung in Deutschland
Dr. Ines Thonke, pro familia Bundesverband, Frankfurt

Alle Menschen haben Anspruch auf Zugang zu sicheren, effektiven, erschwinglichen und akzeptablen Methoden der Familienplanung ihrer Wahl (Art. 7.2, ICPD 1994 in Kairo)

Bereits im Jahr 2008 hat pro familia eine europaweite Befragung zu Kosten von und Zugang zu Verhütungsmitteln durchgeführt und es konnten große Divergenzen zwischen einzelnen Ländern dargestellt werden. Im Jahr 2011 wurden diese Informationen erneut abgefragt. Anhand exemplarischer Beispiele werden die existierenden Differenzen in absoluten und relativen Preisen für Verhütung in Europa dargestellt. Eine vergleichende Übersicht zu Erstattungs- bzw. Übernahmeregelungen gibt Hinweise auf die Versorgung von Jugendlichen oder sozial schwache Bevölkerungsgruppen. Neben den Kosten werden weitere Barrieren dargestellt, die den Zugang zu Verhütung erschweren.

In Deutschland sind auf Grund der Veränderungen durch das Gesundheitsmodernisierungsgesetz und Veränderungen im Sozialgesetzbuch im Jahr 2004 die Kosten für die Inanspruchnahme von Verhütungsmitteln deutlich gestiegen und haben Frauen und Paare mit geringem Einkommen in der freien Wahl der Verhütungsmethode und in der Inanspruchnahme notwendiger ärztlicher Kontrolluntersuchungen deutlich eingeschränkt. Die dargestellten Ergebnisse fokussieren die Situation in Deutschland und die Erfahrungen regionaler pro familia- Beratungseinrichtungen.
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Wahlverhütung bei Hartz IV? Kontrazeptionsverhalten und Soziale Lage        Annelene Gäckle, Fachhochschule Köln

Die Kostenübernahmeregelung von ärztlich verordneten Verhütungsmitteln bei Bezug von Hartz IV ist derzeit rechtlich widersprüchlich. Die Verfahrensweisen und die Auswirkungen auf das Verhütungsverhalten von Hartz IV-Empfängerinnen werden im Kontext der sexuellen und reproduktiven Rechte beleuchtet.
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Workshop 7
Moderation: Monika Hünert, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln

Verhütung, Familienplanung und Migration

Familienplanung, Sexualität und Körperkonzepte werden beeinflusst von der kulturellen Herkunft, von Moralvorstellungen und religiösen Bindungen. Welche besonderen Themen und Probleme für das Thema Verhütung ergeben sich aus dem Leben zwischen zwei Kulturen, aus den oft konträren Vorstellungen und Anforderungen der Herkunftsgesellschaft und der des Gastlandes? Was sind die Wünsche und Bedarfe der Zielgruppe im Bereich Familienplanung, Fruchtbarkeit und Sexualität? Welche Barrieren behindern den Zugang zu den vorhandenen Angeboten? Im Workshop soll diskutiert und geklärt werden, wie Angebote gestaltet sein müssen, damit sie die Bedürfnisse der Zielgruppe treffen. Es werden Studienergebnisse und exemplarische Zugänge zu dieser Zielgruppe aufgezeigt.

Inputs

Verhütung und Schwangerschaftsabbrüche im Lebenslauf von Frauen mit türkischem und osteuropäischem Migrationshintergrund. Ausgewählte Ergebnisse einer BZgA-Studie aus 2009
Heike Klindworth, Evangelische Hochschule Freiburg 

Vorgestellt werden die wichtigsten Ergebnisse zum Verhütungsverhalten und zu Schwanger­schaftsabbrüchen im Lebenslauf von Frauen mit türkischem und osteuropäischem Migrations­hintergrund, die im Rahmen der BZgA-Städte-Studie „frauen leben – Familienplanung und Migration im Lebenslauf“ erhoben wurden.
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Familienplanung und Kontrazeption bei Migrantinnen.
Erfahrungen aus der Praxis
Helga Seyler, Familienplanungszentrum, Hamburg 

Wichtige Aspekte im Umgang mit Familienplanung und Verhütung werden aufgezeigt, wie z.B. die Einstellung gegenüber der Planung von Schwangerschaften, Wissen/Vorurteile gegenüber verschiedenen Verhütungsmethoden, Wissen über Körpervorgänge, Umgang mit Körper und Sexualität. Genauso wichtig wie Vorwissen über die kulturellen Hintergründe ist es, ungeprüfte Vorannahmen zu vermeiden und den individuellen Menschen offen zu begegnen.
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Gender inequality: the impact of norms and values regarding virginity
Milleke de Neef 

In theory, sexual abstinence until marriage is equally important for Islamic girls as it is for Islamic boys. In practice, however, there is a double sexual standard. Girls have to guard their virginity, while boys are ‘’allowed’’ to be sexually active. This gender inequality results in many different requests for help from service providers, from information and a need for reassurance  to requests for ‘virginity certificates’ or even hymen reconstructions. Furthermore, the virginity standard sometimes leads to sexual risks such as unwanted pregnancies and abortion. This presentation goes into the background of this using the findings of studies on virginity and hymen reconstructions. It also addresses gender issues (such as the virginity double standard) that are the cause of the sometimes inadequate use of contraceptives among youngsters of migrant origin in the Netherlands. How can service providers help young women to make well informed choices on issues regarding virginity such as hymen reconstruction and contraceptives? Examples of a (phased) client-based counselling procedure for women requesting a hymeneal “repair” and a recently developed contraceptive choice test for young low educated and/or migrant girls focusing on social and cultural aspects will be presented.  Both interventions are aimed at empowering and increasing the autonomy of women in order to contribute to their sexual health and wellbeing.
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References
Moorst, van, B., Lunsen, R. van, Dijken, van D. & Salvatore, C. Virginity, a gender issue? Backgrounds of women applying for hymen reconstruction and the effects of counselling - myths and misunderstandings about virginity. [Abstract]. The European Journal of Contraception and Reproductive Health Care 2010, 15 (suppl.1), 4-5. Book of Abstracts. The 11th congress of the European Society of Contraception and Reproductive Health. The Hague, the Netherlands 19-22 May, 2010

Mouthaan I., Neef,  M. de, Rademakers J., et al. (1997). Twee Levens. Dilemma’s van Islamitische meisjes rondom Maagdelijkheid [Two Lives: Dilemmas of Islamic Girls Regarding Virginity].

Delft: Eburon

Neef, de M., Dijk van L. (2010). Achtergronden van inadequaat anticonceptiegebruik bij jongeren. [Background to inadequate contraceptive use amongst young people]. Utrecht: Rutgers Nisso Groep.

Workshop 8
Moderation: Stefanie Amann, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln

Verhütung und Kommunikation (intim vs. massenmedial)

Seit Jahrzehnten wird Verhütung in erster Linie unter dem Blickwinkel der Verhinderung einer Schwangerschaft und nicht im Sinne des Potentials von Fruchtbarkeit und Zeugungsfähigkeit diskutiert. Das  hat Einfluss auf die Aufklärung, die Beratung und die Kommunikation, wenn es um die Entscheidung geht, für wen welche Verhütung geeignet ist. Wie wird die Frage der Verhütung gesellschaftlich, individuell und in der Paarbeziehung kommuniziert und verhandelt? Wer bestimmt die öffentliche Diskussion? Wie können auf der individuellen Ebene widerstrebende Tendenzen in Einklang gebracht werden? Im Workshop findet ein Austausch darüber statt, wie die Kommunikation über Verhütung gelingen und partnerschaftlich ausgehandelt werden kann. 

Inputs

Einfluss von Sexualmoral, sozialen Normen und Religion auf Verhütungsverhalten und -auswahl 
Dr. Julia Bartley, Endometriosezentrums Charité und Abteilung für gynäkologische Endokrinologie, Frauenklinik des Universitätsklinikums Benjamin Franklin, Berlin           

Mehr als Hälfte aller ungewollten Schwangerschaften entstehen, weil keine Verhütung verwendet wird. Die Akzeptanz von Verhütungsmethoden hängt nur zum Teil von deren somatischen Verträglichkeit. Die WHO formulierte vor einigen Jahren: „Mythen und Vorurteile sind der größte Feind vieler Kontrazeptiva“. Für die Entwicklung und Verbreitung von Kontrazeptiva waren drei Entwicklungen entscheidend: der Säkularismuns, wissenschaftlicher Fortschritt und die Bevölkerungsexplosion. Der Säkularismus ermöglichte Staaten einen Rahmen zu schaffen, der die Entwicklung und Verwendung von Kontrazeptiva gestattete. Die Entwicklung effektiver Verhütungsmethoden war wiederum erst infolge wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Reproduktion möglich. Und drittens: das Wissen um die Bedrohung und Folgen der Bevölkerungsexplosion forderten und fordern eine Kontrolle der Fertilität und der Druck ist so groß, dass selbst Religionen deswegen ihre Haltung zur Kontrazeption geändert haben.

Die großen Weltreligionen haben aber weiterhin sehr unterschiedliche Einstellungen zur Sexualität und Verhütung. Letztendlich schwindet aber der Einfluss der Religionen auf die Entscheidung zur Nutzung von Verhütungsmitteln weltweit, selbst bei Gläubigen. Bei der kontrazeptiven Beratung muss dennoch eine religiöse Haltung erkannt und respektiert werden. Kulturelle Normen und soziale Faktoren wie Bildung, sozioökonomischer Status und Herkunft haben mittlerweile den größten Einfluss auf die Verwendung und Akzeptanz von Verhütungsmethoden. Dies sind Ergebnisse europäischer oder nordamerikanischer Studien. Leider gibt es aber kaum Studien zu dem Einfluss von Sexualmoral, sozialen Normen und Religion auf das Verhütungsverhalten und –auswahl in Deutschland. Dies ist umso bedauerlicher, als die sozioökonomischen Unterschiede in Deutschland zunehmen und die Integration von Migrantinnen in Deutschland z.T. schlechter gelungen ist als in anderen westlichen europäischen Ländern. Daher sind die Ergebnisse aus anderen europäischen Ländern zum kontrazeptiven Verhalten nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragbar.
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Fruchtbarkeit, Verhütung und Kommunikation in Partnerschaft
und Aufklärung
Ines Albrecht-Engel, Gesellschaft für Geburtsvorbereitung – Familienbildung und Frauengesundheit Bundesverband e.V., Berlin

 

Wie selbstbestimmt ist unser Umgang mit der Verhütung, der Fruchtbarkeit und der „punktuellen Bereitstellung“ der Fruchtbarkeit? Medizin, Pharmaindustrie und Ärztinnen/Ärzte sorgen für junge Mädchen und Frauen. Wo bleibt der selbstbestimmte Umgang mit der Fertilität?
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Angebote und Beratung zu Verhütung im Internet     
Reiner Wanielik, Institut für Sexualpädagogik, Dortmund 

Bei Fragen der Verhütung ist das Internet nicht nur für Jugendliche eine Fundgrube. Das Angebot ist umfangreich, aber auch unübersichtlich. Der Beitrag gibt einen Überblick über massenmediale Angebote, stellt die Frage nach Qualitätskriterien und gibt Empfehlungen.
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Workshop 9
Moderation: Maria Gies, Familienplanungszentrum, Hamburg

Sexualität und Verhütung bei Menschen mit Beeinträchtigung

Die UN-Menschenrechtskonvention schließt auch das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen ein. Die Artikel 23 und 25 formulieren das Recht auf altersgemäße Information und Aufklärung über Sexualität, Fortpflanzung und Familienplanung. Wird der Zielgruppe in der Realität das Recht auf Lust, auf Sexualität, Verhütung und Elternschaft zugestanden? Was benötigen die Fachkräfte und die Institutionen der Beratung, der Betreuung und Pflege an Unterstützung und Qualifizierung? Im Workshop werden Konzepte, theoretische Grundlagen und exemplarische Zugänge zu dieser Zielgruppe vorgestellt und diskutiert, wie Partizipation und Integration gelingen kann. 

Inputs

Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung   
Prof. Dr. Barbara Ortland, Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Münster

Die Realisierung des Rechts auf sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen mit Behinderungen erfordert eine differenzierte Diskussion dessen Begrenzung, die in strukturellen Lebensbedingungen liegen und auf ihre Legitimation hin überprüft werden müssen.
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Alles was Recht ist! Sexualität und Verhütung von Menschen mit Behinderung
Ralf Specht, Institut für Sexualpädagogik, Dortmund 

In den letzten Jahrzehnten hat sich vieles im Sinne einer Humanisierung der Lebens­verhältnisse von Menschen mit Behinderung getan, auch Sexualität und Fragen der Verhütung sind als Themen in vielen Einrichtungen und Diensten inzwischen eingeführt  und teilweise etabliert. Bis Sexualität allerdings für Menschen mit Behinderung ein ‚normales‘ Thema wird, bedarf es weiterer umfassender Anstrengungen und einer veränderten Haltung zum Recht von Menschen mit Behinderung auf Sexualität und Reproduktion.

In einer Bestandsaufnahme werden idealtypisch historische und gegenwärtige Entwicklungen dargestellt und Ansprüche an eine sexualfreundliche Zukunft abgeleitet.

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Sprechstunden für Menschen mit Beeinträchtigungen
Prof. Dr. Dr. Mechthild Neises, Deutsche Gesellschaft für psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Aachen

Im Vortrag werden die Erfahrungen von körperbehinderten Frauen (Rollstuhlfahrerinnen) im Rahmen gynäkologischer Behandlungen vorgestellt. Die interviewten Frauen haben dabei nach wie vor über Erfahrungen berichtet hinsichtlich der Barrieren im Zugang, in der Untersuchungssituation und "in den Köpfen". Einen Schwerpunkt bildet der Themenfokus in der Arzt/Ärztin-Patientin-Kommunikation ‚Partnerschaft, Sexualität und Verhütung‘.

Sexualität und Verhütung aus Sicht von Frauen mit Beeinträchtigung
Martina Puschke, Weibernetz e.V., Kassel  

Trotz des Menschenrechts auf eine selbstbestimmte Sexualität können Frauen mit Beeinträchtigung diese häufig nicht leben, sei es durch Strukturen in der Behindertenhilfe, durch Abhängigkeiten in der Pflege etc. Was muss sich ändern?

Workshop 10
Moderation: Dr. Ute Sonntag, Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V., Hannover

Information von Staat, Nichtregierungsorganisationen und Industrie

Jugendliche, erwachsene Frauen und Männer haben heute vielfältige Möglichkeiten, an Informationen zu Fragen der Kontrazeption zu gelangen: von Familie, Schule, Internet, Beratungsstelle oder frauenärztliche Praxis bis hin zu der Werbung der Pharmaindustrie. Sie alle werden als Informationsquellen zu Sexualität, Liebe und Verhütung genutzt. Gibt es Konkurrenz und einander widersprechende Aussagen und Empfehlungen der unterschiedlichen Anbieter? Wie kann die Verbraucherin, der Verbraucher unterscheiden und bewerten? Im Workshop wird darüber diskutiert, wie junge Menschen und Erwachsene an fachlich fundierte und unabhängige Informationen gelangen können. Zudem dreht sich die Diskussion um geeignete Hilfestellungen für Frauen und Männer, damit diese Angebote besser bewerten können.

Inputs

Sprechstunden für Mädchen in der gynäkologischen Praxis
Dr. Birgit Delisle, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, München 

Die Pubertät und Adoleszenz ist in vieler Hinsicht eine sensible Phase, es finden körperliche, seelische und soziale Umbrüche statt. Eine Sprechstunde für Mädchen sollte speziell auf die Bedürfnisse der Heranwachsenden ausgerichtet sein. Die frauenärztliche Betreuung von Kindern und Jugendlichen umfasst die Prävention, Diagnostik und Therapie von gesundheitlichen, psychischen und sexuellen Problemen dieser Altersgruppe.
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Werbung, oder was?
Hedwig Diekwisch, BUKO Pharmakampagne, Bielefeld

Die „Pille“ steht auf der Hitliste der empfängnisverhütenden Mittel in Deutschland ganz oben. Vor allem junge Frauen beziehen ihre Informationen zur Pille oft aus dem Internet. Doch wie unabhängig sind solche Informationsangebote im Web?

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Unabhängige Informationsquellen für Jugendliche und Erwachsene
Sabine Keller, freie Journalistin, Bergisch Gladbach

Im Rahmen des Workshops „Aufklärung und Werbung von Staat, NGO’s und Industrie“ wird es darum gehen, wie Mädchen und Jungen, Frauen und Männer an unabhängige und evidenzbasierte Informationen über Verhütungsmittel, ihre Wirkungen und Nebenwirkungen kommen.
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3. Tag: Samstag, 2. April 2011

Vorträge
(auf englisch)

The Psychology of Sexual Passion

David Schnarch, Ph.D., Psychologist and Author, Colorado USA

(mit Simultanübersetzung)

The ebb and flow of passion can be elusive, but making good contraceptive decisions lines up with how sexual desire operates. People who realize this are more likely to actually use contraceptives. 

Zusammenfassung

  • Moderne Verhütung hat geholfen, Intimität und Nähe in Liebesbeziehungen zu entwickeln. Man ist nicht mehr zu einer Ehe gezwungen, sondern hat die Wahl. Dass Sex von Reproduktion getrennt ist, erlaubt ein Leben, das oft sehr unterschätzt wird: ein sense of peace and ease.
  • Es gibt vier Antriebe für sexuelles Verlangen bei Menschen: Lust, romantische Liebe, Bindung und der Drang, ein Selbst zu entwickeln und zu bewahren. Der letzte ist der stärkste Antrieb. Ein Beispiel: Bei Frauen gibt es einen Zeitpunkt im Zyklus, an dem ihr Verlangen erhöht ist. Aber: Wenn sie respektlos behandelt wird, hat die Frau trotzdem keinen Sex. D.h. der vierte Punkt ist stärker als die anderen drei.
  • Wenn Menschen Sex haben, verdrahten sie ihre Gehirne miteinander. (Auch im negativen Sinne, etwa bei Missbrauch und Trauma.) Viele Leute denken, es gehe in einer guten Beziehung um Wertschätzung und Bestätigung. Aber dauerhaft geht es darum, die eigenen Bedürfnisse zu kennen und artikulieren zu können.
  • Die Regeln in einer Beziehung werden schon sehr früh festgelegt. Mit dem Reden über Verhütung setzt man die Regeln für die weitere Beziehung. Auch hier spielt die  Entwicklung des Selbst eine sehr wichtige Rolle. Die Stabilität von Beziehungen hängt davon ab, dass beide auf eigenen Füßen stehen können. Und das verhandeln Paare u.a. zum ersten Mal am Thema Verhütung. Das gilt für alle Altersgruppen.
  • In einer Beziehung will immer ein Partner Sex/Intimität/andere Aspekte mehr als der andere. Derjenige hat die Kontrolle, ob er es weiß oder nicht - er nimmt Gelegenheiten an oder weist sie ab. Wenn derjenige z.B. Kondome will,  hat er viel Kontrolle darüber, dass sie auch tatsächlich eingesetzt werden.

Man muss Jugendlichen diese Zusammenhänge erklären, damit sie einordnen können, was passiert.

Zusammenschau am Schluss des Kongresses

Beiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, der Veranstalterinnen und des Kongressbeobachters Olaf Kapella

  • Mehr evidenzbasierte, nicht interessengeleitete Information und ihre Vermittlung sind dringend nötig.
  • Vorab wurde oft gefragt: Gibt es überhaupt noch etwas Neues zum Thema Verhütung? Der Kongress hat klar gezeigt: Wir stehen erst am Anfang, die Professionen zusammenzuführen.
  • Trotz der drei Tage wäre noch mehr Zeit zum Vernetzen nötig gewesen.
  • Es gab sehr unterschiedliche Aufmacher und Stimmungen in den Workshops, sie wurden aber alle bestimmt von sehr viel fachlicher Expertise und Information sowie sehr profunden Diskussionen.
  • Die Geschlechterperspektive: Von den rund 200 Kongressteilnehmenden waren 33 Männer Teilnehmer und ca. 160 Frauen. Dennoch sind alle ausgelegten „Kondometer“ (100 Exemplare), die neuen Kondommaßbänder der BZgA, mitgenommen worden ...
  • Die starke Dominanz des Themas „hormonelle Verhütungsmittel“ wurde teilweise beklagt. Auffallend viele Männer diskutierten über Hormone. Frauen sind möglicherweise gegenüber der hormonellen Verhütung kritischer.
  • Interdisziplinarität: Manche Gräben sind noch vorhanden, aber das Konzept, die verschiedenen Berufsgruppen ins Gespräch zu bringen, ist aufgegangen. Den Austausch zu gestalten und Kompetenzen zu stärken, ist geglückt. Die BZgA nimmt diese Anregungen mit und versucht, sie weiterzuführen!